Wie dieses Buch entstand
Manche Ideen kündigen sich nicht laut an. Sie kommen leise, fast nebenbei – in einem Seminar, das man ursprünglich nur besucht, weil es eben im Studienplan steht.
So war es bei mir mit der Lehrveranstaltung Bildung und Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule bei Prof. Robert Kemper. Ehrlich gesagt bin ich damals mit der Erwartung hineingegangen, dass mich ein klassischer Pflichtkurs erwartet: ein bisschen Theoriegeschichte, ein paar große Namen, Frontalunterricht, Notizen machen, abschließen. Genau so ein Fach, von dem man glaubt, es möglichst effizient hinter sich bringen zu müssen.
Ein Zoom-Abendcafé
Stattdessen fand ich mich in einem digitalen Abendcafé wieder. Über hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren über Zoom verbunden, und es ging plötzlich nicht mehr um das Abarbeiten von Inhalten, sondern um das gemeinsame Nachdenken. Natürlich sprachen wir über Comenius, Freud und viele andere, aber nicht in der Form, in der man sich Definitionen für eine Prüfung merkt, sondern als Ausgangspunkt für Gespräche über unsere eigenen Erfahrungen, über Lernen, über Schule und darüber, was Bildung eigentlich bedeutet. Dieses Format hatte nichts mit klassischem Frontalunterricht zu tun – es war offen, dialogisch und überraschend persönlich.
Ein zentraler Teil des Seminars waren Reflexionen, die wir schreiben sollten, und auch hier ließ uns Prof. Kemper ungewöhnlich viel Freiheit. Es gab keine enge Vorgabe, keine Schablone, in die man seine Gedanken pressen musste. Man durfte denken, fragen, ausprobieren. Eine dieser Reflexionen kommentierte er mit einem Satz, der mich zunächst eher schmunzeln ließ: Das wäre eigentlich eine Masterarbeit wert. Meine spontane Antwort darauf war ebenso eindeutig wie ehrlich: Eine Masterarbeit würde ich sicher nicht mehr schreiben.
Was ich damals noch nicht wusste, war, dass genau an diesem Punkt etwas in Bewegung geraten war.
Mit dem Moment, in dem ich Digitale Grundbildung zu unterrichten begann, waren sie plötzlich da: unzählige Fragen, die sich nicht mehr wegschieben ließen. Was heißt Bildung unter den Bedingungen einer digitalen Welt wirklich? Welche Kompetenzen müssen Schülerinnen und Schüler heute entwickeln – und welche fehlen vielleicht uns Lehrenden noch? Wie verändert Technologie unser Lernen, unser Denken, unsere Arbeit und ganze Berufsfelder? Und wo befinde ich mich selbst zwischen meiner analogen Prägung und einem Unterricht, der in einer gleichzeitig digitalen und analogen Gegenwart stattfindet?
Irgendwann wurde mir klar, dass ich einen Raum brauche, um dieses Fragen-Chaos zu ordnen. Nicht in Form einer wissenschaftlichen Pflichtarbeit und auch nicht mit dem Anspruch, fertige Antworten zu liefern, sondern als persönliche Reise, auf der ich selbst versuche zu verstehen, was da gerade passiert – mit Schule, mit Lernen und auch mit mir.
Vom „Ich schreibe sicher keine Masterarbeit“ zum Buch
Also begann ich, ein Konzept für ein Buch zu schreiben. Ohne zu wissen, ob das eine gute Idee war. Ohne zu wissen, ob das überhaupt jemand lesen wollte. Und ich schickte dieses Konzept genau einer Person: Robert Kemper. Mit der inneren Erwartung, dass er entweder sagen würde, das sei völliger Unsinn, oder dass ich es zumindest versuchen sollte.
Sein Feedback war so positiv und so ermutigend, dass aus einer vagen Idee plötzlich ein reales Projekt wurde. In diesem Moment wurde aus dem „Ich schreibe sicher keine Masterarbeit“ ein „Ich wage ein Buch“.
Dieses Buch ist deshalb nicht entstanden, weil ich etwas erklären wollte. Es ist entstanden, weil ich etwas verstehen wollte. Es ist der Versuch, meinen eigenen Weg durch die digitale Bildungswelt zu dokumentieren, mit all den Fragen, Umwegen und Aha-Momenten, die dazugehören. Und es ist eng verbunden mit der Erfahrung aus diesem Seminar, in dem ich zum ersten Mal seit Langem wieder das Gefühl hatte, dass Bildung ein gemeinsamer Denkraum sein kann. Parallel dazu wurde dieses Projekt auch zu einem Selbstversuch. Ich wollte nicht nur über Künstliche Intelligenz schreiben, sondern mit ihr arbeiten – im Dialog mit ChatGPT Gedanken sortieren, Fragen weiterspinnen, neue Perspektiven bekommen und herausfinden, was es bedeutet, wenn Schreiben plötzlich nicht mehr nur ein einsamer Prozess ist.
Dass es dieses Buch heute gibt, hat also viel mit einem Kurs zu tun, der keiner sein wollte, mit einem offenen Format, das zum Nachdenken eingeladen hat, und mit einem Menschen, der im richtigen Moment gesagt hat: Probier es aus.
Und vielleicht ist genau daraus auch die Idee für DigiFans entstanden – aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, an dem Fragen erlaubt sind, an dem Lernen nicht als fertige Antwort verstanden wird, sondern als gemeinsame Reise.

